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22.2.2010 Interview Mag. Martin Munte, Geschäftsführer Amgen Österreich
Focus Patient: Herr Mag. Munte, was sind die Forschungsfelder bzw. die Forschungsschwerpunkte von Amgen?
Munte: Amgen, das weltweit größte Biotechnologie-Unternehmen, entwickelt, produziert und vertreibt biotechnologisch hergestellte Produkte (Biologika), die mit Hilfe rekombinanter DNA-Technologie hergestellt werden. Kurz gefasst versteht man unter Biotechnologie alle Verfahren, bei denen eine lebende Zelle zur Produktion oder Umwandlung von Stoffen genutzt wird. Die Biotechnologie gehört damit zu den ältesten Technologien, die im Lauf des Zivilisationsprozesses entwickelt wurden. Schon seit Jahrtausenden nutzen Menschen Mikroorganismen für die Herstellung von Produkten. Ein gutes Beispiel ist die Hefegärung, mit deren Hilfe schon die alten Babylonier und Ägypter verschiedene Biersorten brauten. Egal ob Bier, Brot, Käse, Joghurt oder Wein - bei allen handelt es sich um biotechnologisch hergestellte Produkte.
In die Entwicklung von Arzneimitteln jedoch hat die Biotechnologie erst vor relativ kurzer Zeit Einzug gehalten und ist dabei, die Medizin zu revolutionieren. Sie eröffnet uns völlig neue Perspektiven und Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie. Der Sektor der biotechnologisch hergestellten Medikamente, kurz Biologika genannt, bringt heute die bedeutendsten und meisten Innovationen im Bereich von Arzneimitteln hervor.
Dank biotechnologisch hergestellter Arzneimittel konnte bislang weltweit mehr als 325 Mio. Patienten geholfen werden. Diese Arzneien bieten durch ihre zielgerichteten Wirkmechanismen neue Therapiemöglichkeiten für bislang nur unzureichend oder gar nicht behandelbare Krankheiten.
Amgen hat sich zum Ziel gesetzt, das beste Unternehmen für Humanarzneimittel zu sein. In folgenden Bereichen sind wir schwerpunktmäßig gegenwärtig tätig: - Blutkrankheiten (Anämie, Neutropenie) - Krebs (Darmkrebs) - ITP (Immun-Thrombozytopenie) - Nierenerkrankung - Osteoporose (Knochenschwund) - Primärer und sekundärer Hyperparathyreoidismus (Regulationsstörung der Nebenschilddrüsen)
Bei unseren Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten lassen wir uns von vier Grundprinzipien leiten. 1. Wir konzentrieren uns auf schwer- und schwersttherapierbare Krankheiten. 2. Wir passen unsere Herangehensweise bei der Entwicklung eines Medikaments an die Aufgabe an. Für uns lautet daher stets die Frage: Was ist das optimale therapeutische Vorgehen bei einer bestimmten Krankheit? 3. Wir orientieren unsere Aktivitäten an den Patienten. Ihre Erkrankung ist bei unserer Forschungstätigkeit die Basis für die Entwicklung von Arzneimitteln, die eine Heilung oder zumindest die größtmögliche Linderung ihrer Leiden ermöglichen. Dabei versuchen wir stets, auch einen Zusatznutzen der Medikamente für den Patienten im Auge zu behalten - so z. B. bei Unterstützungstherapien, deren Verabreichungsintervalle dem Chemotherapiezyklus angepasst sind. 4. Wir streben danach, bei der Entwicklung unserer Arzneien alle Abteilungen unseres Unternehmens zusammenzuführen, indem wir wichtige Einblicke aus Grundlagenforschung und klinischer Entwicklung in Marketing und Verkauf einfließen lassen. Dies dient ebenfalls dem Ziel, den Nutzen unserer Arzneien für den Patienten zu optimieren.
Focus Patient: Was ist Ihr persönlicher Zugang zu diesen Therapiegebieten?
Munte: Therapieoptionen bei schweren Erkrankungen wie Krebs anzubieten, ist nicht nur Hilfe für den einzelnen Patienten, sondern bewirkt auch Positives für die gesamte Gesellschaft, in der wir leben. Das gleiche gilt z. B. auch für die Osteoporose - eine auch in Österreich weit verbreitete Krankheit. Immerhin leiden hierzulande zwischen 600.000 und 700.000 Menschen daran - also rund jeder Zwölfte. Wenn man dann einem Unternehmen in einem Land vorsteht, dass schon bald auch für diese Erkrankung einen innovativen Therapieansatz bieten wird, mit dem vielen der Betroffenen geholfen werden kann, erfüllt mich das auch persönlich mit Stolz.
Focus Patient: Ihr Unternehmen kooperiert mit und unterstützt Patientenorganisationen. Warum ist dies Ihrer Meinung nach wichtig?
Munte: Amgen hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität von Patienten erheblich zu verbessern. Wir bieten daher neben innovativen Medikamenten ein umfangreiches Angebot an Informationsmaterialien und Serviceleistungen. Vieles davon entsteht und lebt durch die Kooperation mit Patientenorganisationen. Darüber hinaus können Patientenorganisationen durch unsere Unterstützung auch ihre Informationsarbeit erweitern, sodass Patienten und Selbsthilfegruppen öffentlich mehr Gehör finden. Amgen betrachtet Selbsthilfegruppen, Initiativen und Projekte, die Patienten und Betroffene unterstützen und informieren, als wichtige und notwendige Ergänzung zu ärztlichen Behandlungen und professionellen Gesundheitseinrichtungen. Nicht nur in Österreich, auch in vielen anderen Ländern, sind Patientenorganisationen heute ein wertvoller und anerkannter Teil des Gesundheitssystems. Amgen ist stolz darauf, einige dieser Organisationen zielgerichtet unterstützen zu dürfen.
Focus Patient: Bisher haben hauptsächlich Ärzte entschieden, welche Therapie für den Patienten die Richtige ist. Mittlerweile leidet die Ärzteschaft unter massivem Kostendruck und wird vermehrt verpflichtet, dort wo es möglich ist, Generika zu verschreiben. Gleichzeitig - das zeigen alle aktuellen Umfragen - nimmt der Einfluss der Patienten auf die Therapieentscheidung zu.
Munte: Die Therapieentscheidung sollte, wie auch in der Vergangenheit, durch den Arzt getroffen werden - unter Einbindung des Patienten und der Kostenträger. Der Arzt sollte sich in seiner Entscheidung für die richtige Therapievariante hauptsächlich von einer Frage leiten lassen: Was ist das Beste für den Patienten? Dabei ist selbstverständlich der Patient mit einzubeziehen und Faktoren wie Verträglichkeit des Medikaments, Verabreichungsform etc. sind mit ihm zu klären.
Der Arzt sollte in seiner Entscheidung zum Wohl des Patienten nicht äußeren Einflüssen, wie z. B. Kostendruck, unterworfen sein. Letztlich können kurzfristige Einsparungen in der Medizin auf längere Sicht teurer sein als von Anfang an die richtige Therapieoption anzuwenden.
Und zur Frage der Biosimilars: Es gibt sowohl in der Herstellung als auch im Zulassungsverfahren Unterschiede zwischen Originalsubstanzen und Biosimilars. Bei Biosimilars handelt es sich um biologische Arzneimittel, die dem Originalwirkstoff nur ähnlich sind, sie sind aber nicht identisch mit ihm. Und daher sind sie auch keine Generika, die wirkstoffgleiche Kopien eines Originals darstellen.
Daher werden sie auch im Medikamenten-Zulassungsverfahren durch die Europäische Zulassungsbehörde EMA unterschiedlich behandelt. Diese stellt ja ausdrücklich fest, das "Biosimilars" definitionsgemäß keine Generika sind und für diese Produkte die für Generika geltende Vorgehensweise "wissenschaftlich nicht geeignet ist".
Focus Patient: Wie begegnet Amgen dieser Entwicklung?
Munte: Dieser Entwicklung begegnen wir, indem wir die Themen auf einer sachlich objektiven Ebene diskutieren wollen. Was zeigen die Studiendaten? Was zeigt die Anwendung in der Praxis? Was sind die Aussagen von Ärzten und Ärztegesellschaften zu Biosimilars? Unser Ziel ist es, optimale Lösungen im Sinne der Patienten zu finden.
Focus Patient: Die Pharmaindustrie gerät immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik. Medien berichten von Einflussnahme auf Ärzte und Universitäten, es würden negative Studienergebnisse unter Verschluss gehalten etc. Wie kann Ihrer Meinung nach dieses Imageproblem gelöst werden?
Munte: Selbstverständlich nehmen wir die öffentliche Meinung sehr ernst. Daher ist es für uns von zentraler Bedeutung, die Errungenschaften und Entwicklungen, die Amgen hervorgebracht hat, auf seriöse Art darzustellen und transparent zu machen. Wir müssen zeigen, welchen Nutzen die Pharmaindustrie mit ihren Therapien sowohl den Menschen als auch dem System bringt.
Wir halten uns dabei an den so genannten "Code of Conduct". Dabei handelt es sich um strikte Richtlinien, die auf klaren ethischen Regeln beruhen und an denen wir alle unsere Aktivitäten ausrichten. Das ist für uns auch die Basis dafür, wie wir den Dialog mit allen am Gesundheitssystem Beteiligten führen.
Focus Patient: Wo sehen Sie Ihre größte Herausforderung als Geschäftsführer von Amgen?
Munte: Die Gesundheit gehört im Leben eines Menschen wohl zu den wichtigsten Eckpunkten. Gerade jetzt in Zeiten des verstärkten Kostendrucks sehe ich es daher als eine meiner wesentlichsten Aufgaben an, den Wert innovativer Therapien für die Patienten deutlich zu machen. Unsere Dialogpartner sind daher nicht nur die Ärzte, sondern auch andere wichtige Gruppen des Gesundheitssystems, wie Kostenträger und Apotheker.
Mir ist es daher ein zentrales Anliegen, für das Bewusstsein zu sorgen, dass die Finanzierbarkeit moderner Therapien, die Leid lindern und Leben verlängern, weiterhin gegeben ist. In diesem Zusammenhang halte ich es auch für wichtig, die Vorteile der Biotechnologie auf breiter Basis verständlich zu machen.
Als eines der größten Biotechnologie-Unternehmen sehen wir unsere Aufgabe darin, weiterhin für Innovation durch biotechnologisch hergestellte Medikamente zu sorgen und dementsprechend auch diese modernen Therapien - im Einklang mit Ärzten, Apothekern und Kostenträgern - den Patienten zugänglich zu machen.
Focus Patient: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Munte: Grundsätzlich halte ich es für enorm wichtig, dass die Verfügbarkeit hochwertiger therapeutischer Möglichkeiten im gleichen Ausmaß für alle Patienten österreichweit sichergestellt ist. Weiters wünsche ich mir verstärktes langfristiges Denken bei Entscheidungen im Gesundheitswesen: Zur tatsächlichen Kostenwahrheit gehört, dass die Kosten sämtlicher Behandlungen inklusive Krankenhausaufenthalt, Krankenstandsdauer etc. berücksichtigt werden.
Und letztlich halte ich entsprechende Rahmenbedingungen für den fairen Wettbewerb zwischen den Herstellern von Originalpräparaten und Biosimilars (Nachweis der Wirksamkeit, Verträglichkeit etc.) für extrem wichtig, um den Fortschritt in der Entwicklung neuer innovativer Therapien weiterhin zu ermöglichen.
Focus Patient: Wir danken für dieses Gespräch.
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Letzte Aktualisierung: 10.03.2010
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